100 Jahre „Linz in Zahlen“

Bürgermeister Klaus Luger

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Vom kommunalstatistischen Amt zur „Infothek“ für Politik und Wirtschaft

Die Abteilung Stadtforschung des Büros Stadtregierung wirkt mit ihrem zwölfköpfigen Mitarbeiterteam als interne und externe Dienstleisterin für die Stadt Linz. „Diese Einrichtung erfüllt die Funktion des zentralen Informationsmanagements für alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt Linz. Zudem kommt ihr eine wichtige Rolle für den Magistrat Linz sowie die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung zu“, betont Bürgermeister Klaus Luger.

Kernaufgaben der Abteilung Stadtforschung sind die Zurverfügungstellung statistischer Informationen aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft, die Abwicklung amtlicher statistischer Erhebungen, die Durchführung von Meinungsforschungsprojekten sowie die Entwicklung von Planungskonzepten.

In der Öffentlichkeit zu wenig bekannt ist, dass diese Einrichtung eine 100-jährige Vorgeschichte hat. Am 30. Juli 1919 wurde in der 5. Sitzung des Gemeinderates der Landeshauptstadt Linz unter der Führung von Bürgermeister Josef Dametz die Errichtung eines kommunalstatistischen Amtes beschlossen. Begründet wurde dies damit, dass die Entwicklung der „autonomen Städte innerhalb des Staates die Notwendigkeit kommunalstatistischer Ämter“ zwingend erfordere. Wenige Wochen vorher, am 11. Juni 1919, hatte die erste konstituierende Sitzung des Gemeinderates stattgefunden.

Wirtschaftliche Gründe standen am Anfang

Ein essentieller Grund für die Einrichtung einer eigenen Statistikabteilung bzw. eines statistischen Amts war der Aufbau der nach dem 1. Weltkrieg darniederliegenden Volkswirtschaft.

„Für den Aufbau der darniederliegenden Volkswirtschaft würde es von ungeheurem Vorteil sein, genaue Grundlagen durch wissenschaftliche Beobachtung aller notwendigen Massenerscheinungen zu schaffen.“

Dieser erforderte nach dem damaligen Verständnis die Schaffung genauer Grundlagen durch die „wissenschaftliche Beobachtung aller notwendigen Massenerscheinungen“, wie es im Original-Text des zugrundeliegenden Gemeinderatsantrages heißt. Dies ist übrigens ein Aspekt, der für die moderne Statistik auch heute noch zutrifft.

Eine florierende Wirtschaft wäre ohne begleitende statistische Grundlagenforschung auch heute nicht denkbar. Der Aufgabenbereich und das Spektrum statistischer Analysen ist allerdings im Vergleich zu damals weit umfassender geworden. Weiters wurden die anfangs inkludierten Aufgaben der Archivierung und des Bibliothekswesens später abgegeben bzw. eigenständigen Verwaltungskörpern zugeteilt.

Der Geschäftsumfang des statistischen Amts wurde zum Zeitpunkt der Gründung folgendermaßen umschrieben:

  • Ziffernmäßige Erhebung und Darstellung aller kulturell „belangreichen“ Erscheinungen auf gesellschaftlichem, wirtschaftlichem und finanziellem Gebiet unter besonderer Berücksichtigung kommunaler Verhältnisse;
  • die Führung der städtischen Bibliothek;
  • die Führung des städtischen Archivs;
  • die Herausgabe des jährlichen Rechenschaftsberichtes, der auf moderne Grundlagen zu stellen ist;
  • die Durchführung der gesetzlich angeordneten Volkszählungen;
  • alle jene Agenden, die dem Büro vom Bürgermeister noch speziell übertragen werden.

Problematische Aufbaujahre

Am 1. September 1919 erfolgte der Dienstantritt des Amtsleiters des Statistischen Amtes, Dr. August Zöhrer. Der Aufbau eines Statistischen Amtes erforderte eine gewisse Anlaufzeit. Es mussten statistische Sachbearbeiter ausgebildet und die zum eisernen Bestand eines Statistischen Amtes gehörenden Erhebungen ausgewertet werden, wie Bevölkerungsstand, Bevölkerungsbewegung, Wohnungsbestand, Wohnbautätigkeit, Beschäftigungslage, Preisniveau usw.

Die „Aufbaujahre“ 1920–1923 standen infolge der Inflation im Zeichen einer wirtschaftlichen Depression, sodass die ersten Publikationen des Statistischen Amtes erst im Oktober 1922 herausgegeben werden konnten.

Aus dem statistischen Vierteljahresbericht (1. Jahrgang, Nr. 1–3) geht etwa hervor, dass der Preis von ein Kilogramm Rindfleisch von 1,95 Kronen (1913) auf 20.000 Kronen im November 1922 gestiegen war, jener für ein Kilogramm Kartoffeln von 0,10 Kronen auf 950 Kronen. Die Statistik der Wohnbautätigkeit war schon ab 1920 angelaufen, auch eine Wohnungszählung wurde bereits begonnen, konnte aber infolge personeller Schwierigkeiten nur teilweise durchgeführt werden.

Bogen der Erhebungen wurde immer weiter gespannt

In den folgenden Jahren wurde die statistische Beobachtung des kommunalen Lebens auf immer weitere Sachgebiete ausgedehnt: die Statistik der Zu- und Abwanderung, Bevölkerungsbilanz, Tuberkulosestatistik, Statistik der Stadtwerke, des Schlachthofes, Lohnstatistik, Religionsübertritte, Statistik der Spitäler, der Feuerwehr und des Rettungswesens. Dazu kamen der Eisenbahn- und Straßenbahnverkehr, der Fremdenverkehr, der Schiffsverkehr, die Polizeistatistik, Feuerbestattungen, Mietzins, Schlachtungen, Kraftfahrzeugbestand, Verkehrsunfälle, Sparkassenstatistik, gewerbliche Betriebszählungen, landwirtschaftliche Anbauflächen, Statistik der Jugendpflege und die Schulgesundheitsstatistik.

Der Rahmen der statistischen Beobachtungstätigkeit war also bereits ziemlich weit gezogen. Die Veröffentlichung erfolgte in statistischen Vierteljahresberichten. Zu Beginn des zweiten Weltkrieges musste die Veröffentlichung statistischer Berichte eingestellt werden.

Entwicklung während des NS-Regimes

Der 2. Weltkrieg und der Mangel an qualifiziertem Personal in den Kriegsjahren hatten tiefgreifende Veränderungen für das Statistische Amt zur Folge. Erschwerend kam dazu, dass das Statistische Amt mit wesensfremden Aufgaben, nämlich der Führung der städtischen Bibliothek, des städtischen Archivs und der Kulturpflege überbelastet war. Am 1. April 1941 kam es zur Trennung des Statistischen Amtes in ein Städtisches Kulturamt bzw. ein Stadtarchiv und ein Statistisches Amt.

Ein statistisches Archiv und eine statistischen Fachbücherei blieben bestehen, der gesamte bisherige Schriftverkehr wurde jedoch dem Stadtarchiv zugeführt.

Meilensteine in dieser Zeit waren die Erstellung eines Straßen- und Häuserverzeichnisses und eine städtische Wohnungszählung 1940, die in eine Broschüre mit dem Titel: „Die Wohnverhältnisse in Linz“ einflossen.

Die Eingliederung in den deutschen Wirtschaftsraum hatte zur Gründung mehrerer großer Industriebetriebe geführt, der späteren Hütte Linz (Vereinigte österreichische Eisen- und Stahlwerke) und der späteren österreichischen Stickstoffwerke, die eine sprunghafte Erhöhung der Bevölkerung von 108.000 auf 194.000 Einwohner zur Folge gehabt hatte, also eine Stadterweiterung erforderlich machte.

1943 wurde daher eine neue Wohnungszählung durchgeführt. Mitte 1944 erfolgte der erste größere Luftangriff auf Linz. Mit der Proklamierung des Totalen Krieges wurde die amtliche Statistik eingestellt und das Personal auf „kriegswichtige“ Dienststellen verteilt, wie etwa das Ernährungs- und Wirtschaftsamt sowie das Kriegssachschädenamt.

Wiederaufbau und Entwicklung 1945–1959

Der Wiederaufbau des Statistischen Amtes begann unmittelbar nach der Befreiung im Mai 1945. Durch das Bedürfnis der Verwaltung und der Alliierten nach Informationen über die wirtschaftliche und soziale Lage der Bevölkerung der Stadt kam dem Statistischen Amt schon damals eine Schlüsselfunktion zu. Die „Abschnürung“ durch die Militärzonen und die lange Unterbrechung der Verbindungen mit der Bundeshauptstadt Wien machten das Statistische Amt in Linz zur einzigen Stelle in Oberösterreich, die statistische Auskünfte und Zahlenunterlagen liefern konnte.

Drei Säulen der Statistik

Nach dem Krieg kam es auch zur Ausbildung der drei Säulen der amtlichen Statistik, nämlich der Bundes-, Landes- und Städtestatistik, die auch heute noch die Arbeit der statistischen Abteilung der Stadt Linz mit prägen bzw. vorgeben. Die heutigen Strukturen begannen sich im Wesentlichen auszubilden.

Die Gemeinden erledigen im übertragenen Wirkungskreis die sogenannte Auftragsstatistik. Sie umfasst u. a. die Durchführung von Volks- und Berufszählungen, Häuser- und Wohnungserhebungen, landwirtschaftliche Betriebszählungen, Bodenbenutzungs- und Anbauflächenerhebungen, Baustatistik, Fremdenverkehrs- und Preisstatistik. Zusätzlich erstellt die Stadt eigene Schnellauswertungen.

Damit sind für die eigene Verwaltung schneller aktuelle Zahlenunterlagen verfügbar, da die Ergebnisse der Bundesstatistik erst viele Monate später zur Veröffentlichung gelang(t)en.

Dazu gesellten sich die Aspekte der so genannten Raumforschung als Grundlage für eine vorausschauende Raum- und Stadtplanung.

Technologischer Wandel prägt die Arbeit statistischer Einrichtungen

In den letzten Jahrzehnten hat der technologische Wandel die Arbeitsweise statistischer Einrichtungen massiv verändert. Dieser reichte von der Einführung der ersten Zähl- und Rechenmaschinen, der Nutzung von Computern, über den Aufbau einer EDV-Infrastruktur bis hin zur Schaffung von österreichweiten Verwaltungsregistern. Damit veränderten sich ganz wesentlich die Kernbereiche der statistischen Institute, nämlich Datengewinnung, Datenarchivierung, Datenaufbereitung und der Publikation.

Statistische Jahrbücher der Stadt Linz

Unmittelbar nach Ende des 2. Weltkrieges begann das Statistische Amt mit der Zusammenstellung der Ergebnisse in Form von Statistischen Jahrbüchern, die in Auflagen von 500 bis 700 Exemplaren an Linzer Persönlichkeiten, Behörden, die ZentralstelIen in Wien, Universitäten, Hochschulen und statistische Ämter des In- und Auslandes verteilt wurden. Von 1946 bis 1997 erschienen diese Statistischen Jahrbücher in Buch- bzw. Broschürenform, anschließend bis 2002 auf digitalen Datenträgern (CDs).

BürgerInnenbefragung und Stadtdialog

Eine wesentliche Aufgabe der Stadtstatistik in Linz in der jüngsten Vergangenheit war ebenso die Durchführung von BürgerInnenbefragungen in 5-Jahresabständen, zuletzt im Jahr 2017.

Alle Bewohnerinnen und Bewohner waren dabei eingeladen, ihre persönliche Einschätzung zur Entwicklung der Lebensstadt Linz in den unterschiedlichen Bereichen abzugeben. Über die Ergebnisse dieser Umfrage hat der Bürgermeister im Vorjahr in den Stadtteilen unter dem Motto „Stadtdialog 2018“ informiert.

Aktuelle Prognosen als Grundlage für Stadtentwicklung

Besonders die vielfältigen sozialen Angebote für alle hier lebenden Altersgruppen, mit dem Ziel die Vollversorgung gemeinsam mit privaten AnbieterInnen sicherzustellen, finden im Krabbelstuben-, Kindergarten- und Hortbereich sowie bei der Pflegevorsorge für ältere Menschen in den regelmäßig wiederkehrenden Analysen und Bedarfsentwicklungsprognosen der Abteilung Stadtforschung ihren Niederschlag.

Anhand dieser Daten ist eine genaue Planung für die weitere Stadtentwicklung in den einzelnen Stadtteilen möglich.

Vielfältiges Spektrum an Informationen auf https://www.linz.at/zahlen/

Den wohl besten Überblick auf die aktuellsten Erhebungen der Abteilung Stadtforschung erhält man auf der der städtischen Homepage www.linz.at, auf der essentielle Daten zur Bevölkerungsstruktur, soziale Parameter, Infrastruktur, technische Versorgung, Wohnen, Verkehr, Indexentwicklungen, Arbeitsmarkt, Luftqualität, Klima, Tourismus, Volksbegehren, Befragungen und Wahlen in übersichtlicher Form und mit Tabellen und Grafiken ergänzt aufbereitet sind. Dazu kommen Informationen über Wahlergebnisse und die Zusammensetzung des Stadtparlaments.

Gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen

Innerhalb der letzten 15 Jahre hat sich neben der Menge an zugänglichen Daten vor allem auch die Geschwindigkeit der Verfügbarkeit enorm erhöht. Der Ruf nach Verknüpfung von Informationen zur Nutzenmaximierung wird immer lauter. Oberstes Ziel von Institutionen wie der Abteilung Stadtforschung ist es – so wie bereits vor 100 Jahren gefordert – valide, gut überprüfte und damit zuverlässige Daten bereitzustellen. Damit besteht die größte Herausforderung darin, aus der vorhandenen Datenflut jene Informationen zu filtern, die für eine nachhaltige Stadt- und Raumplanung von Bedeutung sind bzw. sein werden. Dies bedeutet sowohl technologisch als auch methodisch am Puls der Zeit zu bleiben. Eine Aufgabe, der sich das engagierte Team der Stadtforschung mit vollem Einsatz widmen wird.

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